Mai 24th, 2007
Bert Dietz hat seine ohnehin enorme Leistungsfähigkeit als Leistungssport betreibender Radrennfahrer nochmals mit unerlaubten Mitteln gesteigert. Er bekannte dies am Montag dieser Woche bei Beckmann. Bert Dietz war und ist mir immer sehr sympathisch gewesen. Er ist keiner dieser Dumpfbacken, die man im Sport leider auch allzu häufig erleben muss. Er ist ein erwachsener Mensch, ist voll verantwortlich für sein Handeln und Tun. Sein Tun und Handeln wirkt reflektiert. Wieso sah er offenbar dennoch keine andere Chance, in seinem Sport mitzuhalten? Am späten Montag Abend konnte man sehr direkt Einblick erhalten in die Gedanken- und Gefühlswelt der Menschen, die für uns alle die Rolle moderner Gladiatoren übernehmen. Sie betreiben Leistungssport und tun dies sicher zuallererst aus Lust am Sport. Später, wenn sie schon gestandene Männer und Frauen sind, gelangen sie aber offenbar manchmal (oder auch öfters?) an den Punkt, an dem es nicht mehr weiter geht, wenn man nicht zu anderen Mitteln greift. Ich habe Bert Dietz genau zugehört und erfuhr von einem unheimlichen Druck, der auch aus Richtung Arbeitgeber kam. Mir geht es dabei gar nicht um Telekom oder T-Mobile als Hauptsponsor. In anderen Mannschaften ist dies sicher nicht anders. Man muss nicht nur mithalten, man muss siegfähig sein und wenn wir unsere eigenen Gedanken analysieren, die wir beispielsweise gegenüber einem älter werdenden Erik Zabel haben, der in den letzten Jahren immer häufiger nur noch zweiter wird, bei dem anscheinend die Kräfte für einen Sieg nicht mehr reichen, wenn wir weiter daran denken, wie die meisten von uns ihm drei oder vier Mal zuhören und mitleiden, wenn er die letzten Meter des Sprints nach dem Rennen quasi nachkommentiert und wenn wir dann an uns selber beobachten, dass wir irgendwann einfach Zabel nur noch siegen sehen wollen, dann wissen wir in diesem Moment genau, woher es kommt, dass Sponsoren Druck machen, wir wissen, woher auch der einzelne Sportler den Druck verspürt und er meint, einfach mehr bringen zu müssen.
Bevor ich falsch verstanden werde: Sportler werden natürlich manchmal auch nur noch von purem Ehrgeiz getrieben. Sie wollen eine Meisterschaft erringen, sie wollen einen Rekord aufstellen, sie wollen eben dies, das und jenes. Daneben wollen sie aber auch ihre Familie ernähren können, sie wollen weiterhin tun, was sie meist schon seit frühesten Kindertagen am liebsten machen und sie wissen genau, dass das pure wollen im Profisport, der eben auch ein Geschäft ist, manchmal nicht mehr genügt. Nochmal: Mir geht es nicht darum, jetzt alle Dopingsünder quasi proaktiv zu entschuldigen. Es geht aber zumindest darum, die ureigensten Beweggründe zu reflektieren, die man als Fernsehsportler manchmal hat.
Vergebene Chance..
Zur Aktualität muss man zwei Tage nach der öffentlichen Beichte von Bert Dietz zwei Dinge festhalten: 1. Das Momentum ist schon wieder vorbei. Es gab an diesem Montagabend diesen Moment, an dem vieles möglich schien, weil Dietz neben seinen eigenen ‚Vergehen‘ auch formulierte, was er sich von den anderen Beteiligten, namentlich auch von den Sponsoren, von den Trainern und von den Journalisten wünschte. Einzig Hajo Seppelt, der vom eigenen Sender nicht immer geliebte Sportjournalist, glaubte beinahe naiv an die Wendung zum Guten. Ich gestehe, dass ich für einen kurzen Moment auch glauben wollte, dass das Eingeständnis von Dietz mehr war als nur ein weiteres Geständnis eines Dopingsünders. 2. Leider wurden alle Träumer schon am Morgen danach vom aktuellen Pressesprecher des T-Mobile Teams unsanft geweckt. Christian Frommert meinte, bezogen auf die evtl. vorhandene Verantwortung des Hauptsponsors, er könne sich nicht vorstellen, dass Ansprechpartner innerhalb der Telekom gesagt hätten, man solle dopen. Natürlich haben sie dies nicht (!) und dennoch muss doch den verantwortlichen Leuten bei einem Hauptsponsor klar sein, welche Wirkung ein jahrein jahraus geäussertes Drohen mit Ausstieg aus Sponsorenverträgen haben kann. Druck ausüben ist an mancher Stelle unausweichlich und dennoch muss man sich auch immer seiner Verantwortung bewusst sein. An genau dieser Stelle neigen Geldgeber – und natürlich nicht nur die Deutsche Telekom – dazu, ihre Verantwortung abzustreiten. Man will es sich leicht machen. Man will möglichst lange im Fernsehen genannt sein, man will positive Schlagzeilen. Manchmal ist der Preis für diese positiven Meldungen aber eindeutig zu hoch.
..das alte Spiel beginnt
Wenn heute gegen 11.15 Uhr eine Pressekonferenz stattfindet, auf der offenbar auch Rolf Aldag Verfehlungen eingesteht und auf der das Thema Doping im Radsport eine Rolle spielen wird, dann wäre es sinnvoll, wenn auch der Sponsor Fehler einräumt. Aber ehrlich gesagt fehlt mir die rosarote Brille, um auf ein solches Eingeständnis zu hoffen und daran zu glauben. Auch die Medien schreiben in diesen Tagen schon wieder wortreich und teilweise moralinsauer über ‘Skandale’ und veschweigen ihre eigene Verantwortung. Immerhin würde diese ganze Handlungskette aus Leistungswille, Siegen müssen, im Fernsehen erscheinen müssen und und und gar nicht erst entstehen, wenn nicht das Fernsehen und jeder einzelne Zuschauer immer wieder Helden und Sieger sehen wollte. Einsichten der Medien wird man wohl vergebens suchen.
Für mich selber beschliesse ich, noch mehr als schon in den letzten Jahren, Sportveranstaltungen anders anzusehen. Ich will Sport sehen und dazu gehört jedes Detail. Es gibt Sieger, es gibt Verlierer, es gibt unendlich viele Akteure, die sich jeden Tag neu erfinden, die sich nicht weniger plagen als die Sieger und die dennoch nur im Hauptfeld ankommen. Ich suche noch mehr als sonst nach diesen Menschen, nach diesen Schicksalen. Gerade an ihren Beispielen kann man Sport in aller Faszination erleben, miterleben und erklären. Ich hoffe auf eine Berichterstattung, die mir diesen zweiten Blick ermöglicht und ich hoffe immer noch und immer weiter auf sauberen Sport.
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