Go to content Go to menu

Abgelegt in:

Sechs Seiten

Lesen ist mein neuer alter kleiner Kurzurlaub. Angeregt durch @miradlo, bei der das B&B in einem Dent stets für »Bett & Buch« steht, habe ich neuerdings auch viel Freude an kurzen Ausflügen in literarische Welten. Ich habe 15 Minuten Luft? Da kann man doch ein paar Seiten lesen. Ich geh’ abends zu Bett, bin saumüde, will aber trotzdem noch nicht sofort schlafen? Ich lese ein paar Seiten. Nach einer nicht wirklich objektiv ausgewerteten Eigenstudie lese ich ganz häufig nur sechs Seiten. Das ist keine Absicht, es sind tatsächlich häufig zufällig sechs Seiten. Erstaunlich dabei ist, dass dieses für meine Verhältnisse extrem kurze Eintauchen in einen Text dennoch in vielen Fällen ein kurzes Abschalten bringt. Manchmal ist es auch nur eine (willkommene) Unterbrechung des alltäglichen Denkstromes. Das ist neu für mich, dachte ich doch bisher eigentlich, dass man zum Lesen Zeit braucht. Ja, natürlich: Zeit haben bzw. sich Zeit nehmen ist immer noch optimal, wenn es darum geht zu lesen. Trotzdem können diese Sechs-Seiten-Ausflüge in andere Welten extrem effizient sein, um auf andere Gedanken zu kommen. Angefangen habe ich mit dem Lesen von Lyrik. Schon bald habe ich aber festgestellt, dass es durchaus auch funktioniert, sich auf diese Weise einem Roman zu nähern. Prima Sache, das.

»Klavierspiel besteht aus Vernunft, Herz und technischen Mitteln. Alles sollte gleichermaßen entwickelt sein. Ohne Vernunft sind Sie ein Fiasko, ohne Technik ein Amateur, ohne Herz eine Maschine.«

[Vladimir Horowitz über das Klavierspiel]

Ich habe Vladimir Horowitz erst relativ spät und wenige Jahre vor seinem Tod für mich entdeckt. Damals wurde er gefeiert, weil er nocheinmal, im schon relativ hohen Alter, mit der CD »Vladimir Horowitz: The Last Romantic« eine Rückkehr auf die Bühnen der Welt feierte. Man konnte damals einige Dokumentationen sehen und der Mann, dessen Leben ich dort skizziert bekam, faszinierte mich sofort. Selten habe ich Musik dermassen entspannt und dennoch so ausdrucksstark gehört. Dabei verschwand diese kleine Person beinahe auf der Bühne, wenn er sich seinem Steinway näherte. Jahre später hat »Steinway & Sons« Horowitz Flügel auf der Musikmesse in Frankfurt gezeigt. Ich sah dieses vom vielen Umherreisen ziemlich zerkratzte Musikinstrument und hatte sogar die Gelegenheit, ein paar Takte zu spielen. Die Tasten waren für meine Verhältnisse vollkommen seltsam eingestellt und ich erfuhr, dass sich Horowitz die Tasten extra so einstellen lies. Auf seinen Tourneen wurde er stets von einem Mitarbeiter von »Steinway & Sons« begleitet, die einzig dafür da war, den Flügel genau so abzustimmen, wie der Meister es gerne hatte. All diese kleinen Details eröffneten mir damals die Welt der klassischen Musik vollkommen neu. Hatte ich bis dahin »nur« die Musik gehört und hatte bestenfalls die Biographie des Interpreten mit der Musik zusammengebracht, so nehme ich seit den Tagen des »Last Romantic« Musik ganz anders wahr. Es haben sich neue Dimensionen aufgetan. Es gibt immer wieder Neues zu entdecken und überdies bin ich ob der Leichtigkeit des Horowitzschen Spiels immer wieder neu überrascht und begeistert.

Gerade fand ich auf Spiegel-Online einen lesenswerten Artikel zum Thema mündiger (Netz)Bürger. Marcel Rosenbach und Hilmar Schmundt beschreiben in ihrem Artikel, wie sich durch das falsche Handeln der aktuellen politischen Kaste eine ganze Generation von jüngeren und älteren Webworkern quasi dazu gezwungen sieht, aufzustehen und sich zu organisieren. »Aufstand der Netzbürger« zeichnet die Geschehnisse der letzten Monate nach und erklärt auch (zumindest ansatzweise), weshalb sich die Leute, die sich tagtäglich im Netz bewegen, die Leute, die mit dem Netz leben und oft auch von ihm und die sich begeistern für die neuen Möglichkeiten des Zusammenlebens, weshalb sich also diese webaffinen Menschen von den sogenannten arivierten Parteien im Stich gelassen fühlen und warum die Leute sich andere Organisationen suchen müssen und sollten.

Was fehlt

Der Artikel wäre perfekt, wenn er noch mehr erklären würde, dass die »Generation Internet« das Netz nicht als rechtsfreien Raum begreift, sondern als Erweiterung unseres Lebensraumes. Gerade deshalb kann das Netz kein rechtsfreier Raum sein und war es auch nie. Alleine diese immer wieder neu behauptete falsche Begrifflichkeit lässt ahnen, wie groß der Graben zwischen der aktuellen Politik ist und den (Netz)Bürgern. Grundrechte enden eben gerade nicht im Netz. Wenn die Politik das begreift, dann wäre uns allen schon viel geholfen. Der Weg dahin ist aber offenbar noch lang. Der Artikel ist indes sehr lesenwert!