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Gerade las ich auf ZEIT Online einen Artikel aus der Rubrik Karriere/Beruf. Der Artikel erzählt die Geschichte einer Umweltaktivistin, die für den WWF arbeitet. Die Autorin gibt eine Aussage der Aktivistin wie folgt wieder:

Aber um die Zerstörung der Erde wirklich zu stoppen, müsste der Mensch aufhören, nach Profit und Fortschritt zu streben. Meint sie wirklich, dass der Mensch zu so großen Schritten der Veränderung bereit ist? Dass der Kern ihrer Botschaft ankommt? »Eigentlich nicht.«

Ich horche auf, wenn ich lese, dass wir aufhören müssen, nach Profit und Fortschritt zu streben. Beim Begriff des Profit bin ich sofort einer Meinung. Wenn ich aber an den Begriff Fortschritt denke, so möchte ich der WWF-Mitarbeiterin unwillkürlich ins Wort fallen und möchte nachfragen, ob wir also wirklich aufhören sollten, fortschrittlich zu sein? Vielleicht kann man an diesem Ausspruch aber auch feststellen, wie sehr sich die (Be)deutung des Begriffes Fortschritt verändert hat. Es gab eine Zeit, in der dieser Begriff bzw. der dahinter stehende Inhalt von allen Menschen als etwas Positives angesehen wurde. Seit einiger Zeit hat sich das verändert. Es gilt schon als Fortschritt, wenn eine Firma ihren Umsatz steigern konnte und vor allem mehr Gewinn macht. Dass bei der Erreichung solcher (angeblich positiver) Ziele immer öfter Menschen auf der Strecke bleiben, hat auf lange Sicht folgerichtig Einfluß darauf, welche Bedeutung man Begriffen zubilligt. Ich finde, wir alle sollten wieder mehr darauf achten, welchen Fortschritt wir wollen, denn an sich ist Fortschritt doch etwas Positives. Wir sollten uns diesen Begriff und die positive Utopie, die dahinter steht, nicht von Menschen und Organisationen wegnehmen lassen, die anderes im Sinn haben bzw. die gar nicht bis zuende bedenken, welche Folgen ihr Tun auf lange Sicht hat.

Fast die Hälfte aller in Deutschland lebenden Migranten mit türkischem Hintergrund fühlen sich in Deutschland unerwünscht. Einmal mehr bekommen wir Schwarz auf Weiss, wie schlecht es um die Integration bestellt ist. Dabei spreche ich nicht von Menschen, die sich nicht anpassen wollen. Ich spreche im Gegenteil von Akademikern, die sich gegen alle Vorbehalte durchgesetzt haben und hier, ausgestattet mit einer sehr guten Ausbildung, immer noch in jeden Tag auf offene oder versteckte Anfeindungen stoßen. Ich spreche von Gründern, die viel Geld verdienen und ausgeben und Arbeitsplätze schaffen, die sich aber im Supermarkt allzu oft komischen Blicken ausgesetzt sehen, weil sie anders aussehen. Einer gerade erschienen Studie zufolge planen sogar etwa 42 Prozent dieser Menschen eine Rückkehr in die Türkei.

Gleichzeitig wird immer wieder festgestellt, dass Deutschland kein Einwanderungsland ist und ich frage mich immer und immer wieder: wieso wollen manche Leute eigentlich nicht einsehen, dass Deutschland faktisch schon seit Jahrzehnten ein Einwanderungsland ist? Wieso stellen wir uns der Grundsituation nicht postiv und disktutieren und definieren endlich Regeln und Werte, zu denen wir uns bekennen wollen? Wir würden relativ schnell viele neue Zuwanderer bekommen, wir würden an Vielfalt gewinnen, unsere Wirtschaftskraft würde wachsen und ganz nebenbei, würden wir auch wieder mehr Kinder bekommen. Es würde uns allen einfach gut tun.

Grundvoraussetzung ist aus meiner Sicht aber, dass wir uns zu den neuen Deutschen bekennen würden. Wir müssten natürlich zulassen, dass die jungen, neuen Deutschen ihre Andersartikeit mitbringen dürfen. Wieso wird von Muslimen immer wieder gesprochen als wäre der Islam eine ansteckende Krankheit? Wieso verlangen wir von diesen Menschen, dass sie ihre Herkunft verleugnen und gleichzeitig wird unsere deutsche Gesellschaft immer konservativer und eine bewahrende Haltung wird als positiv angesehen? Wieso schauen wir z.B. Christlich-Orthodoxes Leben als rückständig an und wieso wollen wir überhaupt alle grundsätzlich zu einem christlich geprägten Leben missionieren, was wir oftmals selber nicht leben? Natürlich müssten sich Zuwanderer zu unserer demokratischen Grundordnung bekennen, sie müssten das Grundgesetz nicht in Kauf nehmen, sondern sollten es idealerweise offensiv bejahen. Gleichzeitig sollten wir uns aber das eigene Grundgesetz auch mal wieder anschauen. Manchmal werde ich das Gefühl nicht los, dass die lautesten Schreihälse selber das eigene Grundgesetz gar nicht kennen.

Ich bin gespannt, wann wir endlich bereit sind dafür das zu tun, was im Ausland an vielen Stellen schon seit Jahrzehnten gelebt wird und was die jeweiligen Gesellschaften häufig nicht nur in einem monetären Sinne reicher gemacht hat. Das Glas könnte nicht nur halbvoll sein, sondern geradezu überlaufen vor neuen Möglichkeiten und Chancen.

Heute habe ich zum ersten Mal den Podcast Medienradio gehört. Philip Banse, Markus Heidmeier, Thomas Jaedicke und Jana Wuttke diskutieren alle 14 Tage über Medienthemen. In der Ausgabe »MR014 Plomplom« ist Christian Heller aka @plomlompom zu Gast. Man spricht über das Bloggen und darüber, wie sich Blogs verändert haben. Auch der Begriff Relevanz darf nicht fehlen. Die Runde wirft jeder und jede aus ihrer Sicht interessante Gedanken ein und zeigt, dass Relevanz kein monolithisch darstehender Begriff ist, sondern stattdessen einer vielfachen Deutungsmöglichkeit unterliegt.

Fazit

Die Unaufgeregtheit, mit der die Teilnehmer die anstehenden Themen diskutieren finde ich besonders hervorhebenswert. In diesen Tagen habe ich nicht selten das Gefühl, dass eine gewisse Entspanntheit oftmals verloren geht und mit ihr der Grundrespekt und die Sensibilität gegenüber anderen Menschen und Haltungen, die zum Betrachten mancher Themen unabdingbar sind. Ich kann den Podcast aus meiner Sicht nur wärmstens empfehlen.